Projektbeschreibung
Kontext
Mikrosimulationsmodelle werden regelmäßig zur Bewertung von Steuer- und Transferreformen genutzt und beeinflussen dadurch politische Entscheidungsprozesse. Dabei sind insbesondere die Analysen zur Arbeitsangebotsentscheidung stark theoriegeladen, da sie einem neoklassischen Ansatz folgen, der auf Annahmen wie Marktbereinigung, Nutzenmaximierung und einer unitären Nutzenfunktion im Haushalt zurückgreift. Gesellschaftspolitische Aspekte, wie etwa veränderte Geschlechternormen oder sich ändernde Konsumaspirationen, werden dabei übergangen, um Unsicherheiten in bestehenden Modellen zu überbrücken und zu konkreten Ergebnissen zu gelangen.
Der Einfluss solcher theoretischer Vorannahmen auf die Ergebnisse ist schwierig nachzuvollziehen, da zentrale Bestandteile der betreffenden Modelle nicht zur freien Nutzung zur Verfügung stehen. Daher sind die zugrunde liegenden Parameter oftmals nur wenig transparent und der jeweilige Einfluss auf die Untersuchungsergebnisse schwer abschätzbar.
Fragestellung
Ziel des Projektes ist es, die politischen Implikationen der Grundannahmen von Mikrosimulationsmodellen transparent zu machen, deren empirische Robustheit zu testen und aufzuzeigen, inwiefern Änderungen dieser zu abweichenden Politikempfehlungen führen können. Konkret möchten wir in diesem Projekt folgende Fragen beantworten:
1. Wie ändern sich Schätzungen zum Arbeitsangebot, wenn anstatt eines vollständigen Einkommenspoolings in einem Haushalt von teilweisem Einkommenspooling, entweder kooperativ oder kompetitiv, ausgegangen wird?
2. Wie ändern sich Schätzungen zum Arbeitsangebot, wenn anstatt von einer unitären Nutzenfunktion von unabhängigen oder interdependenten Nutzenfunktionen ausgegangen wird?
3. Wie ändern sich die Schätzungen zum Arbeitsangebot, wenn anstatt von Nutzenmaximierung von Satisficing ausgegangen wird?
Untersuchungsmethoden
Methodisch kombiniert das Projekt eine Replikationsstudie bestehender Mikrosimulationsmodelle mit der experimentellen Exploration alternativer Annahmen. Dafür wird das Open-Source-Modell GETTSIM um eine flexible Arbeitsangebotskomponente erweitert.
Zunächst replizieren wir auf discrete-choice Modellen basierende Schätzungen angewandter Studien, um deren theoretischen Annahmen und ökonometrischen Spezifikationen nachzuvollziehen. In einem zweiten Schritt untersuchen wir die Folgen alternativer Spezifikationen der Determinanten des Arbeitsangebots, um zu prüfen welche Änderungen sich ergeben, wenn Elemente neoklassischer Entscheidungstheorie durch alternative Annahmen ersetzt werden. Dabei setzen wir etwa kollektive Modelle, evolutionsökonomische Heuristiken oder geschlechtsbezogene Spezifikationen ein. Durch Simulationen politischer Reformvorschläge (z. B. Ehegattensplitting) werden die Auswirkungen verschiedener Modellannahmen empirisch greifbar gemacht.