Forschungsprojekt: Erinnerungserzählungen eines sozialen Milieus und lokale gewerkschaftliche Erfahrungsräume

- Lebensgeschichtliche Interviews mit gewerkschaftspolitischen Akteuren in ausgewählten Regionen der Bundesrepublik Deutschland

Projektziel

Wie sprechen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter über ihre Erinnerungen? Aus fünfzehn lebensgeschichtlichen Interviews mit Betriebsräten und hauptamtlichen Funktionären aus drei westdeutschen Regionen wurden verschiedene Erzählmuster analysiert. Die Interviewten sprechen positiv über ihre aktive Zeit, die mehrheitlich zwischen den frühen 1960er Jahren bis Ende der 1990er Jahre lag.

Veröffentlichungen

Heidemann, Winfried, 2015. Vertretung, Triumph, Konflikt, Magazin Mitbestimmung, 1+2/2015, S. 60.

Andresen, Knud, 2014. Triumpherzählungen - Wie Gewerkschafter über ihre Erinnerungen sprechen, Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen; Schriftenreihe A: Darstellungen, 57. Band, Essen : Klartext Verlag, 240 Seiten.

Andresen, Knud, 2012. Zu Erzählmustern in lebensgeschichtlichen Interviews mit Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern, BIOS, 25(1), S. 118-134.

Projektbeschreibung

Kontext

Gewerkschaftsgeschichte ist auch Erinnerungsgeschichte. Als Organisationen versuchen die Gewerkschaften, Meistererzählungen zu generieren. Der Kern von lokalen Erinnerungsschriften oder verbandseigenen Darstellungen liegt fast immer in einer sozialen Aufstiegserzählung: Die Arbeiterschaft erlebte in ihrer Gänze in der Bundesrepublik einen Zuwachs an materieller Absicherung und institutionalisiertem Einfluss. Zugleich ist dieser Erfolg beständig bedroht. Lokale Darstellungen wurden im Projekt mit untersucht. Zudem fiel auf, dass in den Darstellungen häufiger ältere Gewerkschafter interviewt, aber die Interviews meist nur als Steinbruch für Sachinformationen genommen wurden. Daher erschien es sinnvoll, nach den Bedingungen für Erzählungen zu fragen. Wie erzählen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter über ihre Erfahrungen?

Fragestellung

Ziel des Projektes war es, zu untersuchen, welche narrativen Strukturen und Erzählmuster in lebensgeschichtlichen Interviews erkennbar sind. Spielt zum Beispiel ein Legitimationsverlust der Gewerkschaften seit den 1990er Jahren eine Rolle für den Interviewkontext? Wie wurde der Transformationsprozess der Arbeitswelten, u.a. der Niedergang von Traditionsindustrien, erlebt und verarbeitet? Dabei ging es nicht darum, Ereignisse im Einzelnen darzustellen oder nachzuprüfen, sondern aus den Bedingungen des heutigen Kontextes zu verstehen, wie erzählt wird.

Untersuchungsmethoden

Methodisch wurde nach den Standards der Oral History vorgegangen. Es wurden lebensgeschichtliche Interviews geführt, d.h. das Interview wurde in drei Schritten (Eingangserzählung, Nachfragen sowie allgemeine Fragen) geführt. Die Dauer lag zwischen zwei und sieben Stunden. Die Eingangsfrage war offen gewählt, um Erzählungen mit eigenen Schwerpunktsetzungen der Interviewten zu erreichen.

- Die Interviews wurden transkribiert und ausgewertet.

- Es wurden drei Untersuchungsregionen ausgewählt (Hamburg, Leer und Bruchsal), um eine regionale Vergleichbarbeit zu erreichen. Ebenfalls wurden Personen aus verschiedenen Gewerkschaften und Funktionen ausgewählt.

- Es wurden drei Frauen und zwölf Männer, einer davon Nicht-deutscher Herkunft, interviewt.

- Eine Repräsentativität war nicht angestrebt.

- Die Interviewten gehören zur "Generation Bundesrepublik": Zwischen 1929 und 1948 geboren, erlebten sie einen materiellen Aufstieg.

Darstellung der Ergebnisse

Als Ergebnisse lassen sich festhalten:

- Ein Legitimationsverlust der Gewerkschaften hat auf die Lebenserzählung nur einen mittelbaren Einfluss. Das eigene Wirken wird als erfolgreich und sinnhaft beschrieben, Unsicherheit bestehen für andere, jüngere Generationen.

- Es sind soziale Aufstiegserzählungen: da fast alle Interviewten kontinuierlich beschäftigt waren und zur Basiselite aufstiegen, ist die materielle Absicherung - auch vor dem Hintergrund von Mangelerfahrungen in der Kindheit und Jugend - bei allen gut.

- Alle sprechen als Repräsentanten von anderen, für die sie sich eingesetzt haben. Dieser Einsatz legitimiert ihre Erzählungen.

- Ein häufiges Erzählmuster sind Triumpherzählungen, in denen in einer meist dialogischen Szene der eigene Erfolg deutlich gemacht wird.

- Es sind keine Gegenerzählungen zur bundesdeutschen Geschichte.

- Es sind auch Erinnerungen eines spezifischen Organisationsmilieus, dass jedoch nicht als Arbeitermilieu verstanden werden kann.

- Mit anderen, individuellen Akzenten - vor allem wurden vermehrt Konflikte in den Gewerkschaften angesprochen - sind die Erzählungen Teil der gewerkschaftlichen Meistererzählung.

Projektleitung und -bearbeitung

Projektleitung

Prof. Dr. Axel Schildt
Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg - FZH
schildt@zeitgeschichte-hamburg.de

Prof. Dr. Dorothee Wierling
Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH)
wierling@zeitgeschichte-hamburg.de

Bearbeitung

PD Dr. Knud Andresen
Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH)
andresen@zeitgeschichte-hamburg.de

Kontakt

Dr. Michaela Kuhnhenne
Hans-Böckler-Stiftung
Forschungsförderung
michaela-kuhnhenne@boeckler.de

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